Social-Media in der Praxis oder Wahlkampf zwischen Mobilisierung und Dialog
Auf eDemokratie.ch haben wir Social-Media im Zusammenhang mit den Eidgenössischen Wahlen 2011 bereits mehrmals thematisiert. Am Social-Media-Gipfel vom 1. Juni 2011 haben nun zwei Jungpolitiker über ihre Erfahrungen im Umgang mit Social-Media berichtet. Der SP-Politiker Stefan Krattiger ist Gemeindepräsident von Aegerten (BE) und bei der SP Schweiz Chefredaktor der deutschsprachigen Mitgliederzeitung «links» sowie Projektleiter E-Kommunikation. Und der CVP-Politiker Philipp Kutter ist Stadtpräsident von Wädenswil (ZH) und Mitglied des Zürcher Kantonsrats. Vorab möchte ich erwähnen, dass ich vor dem Social-Media-Gipfel von den Jungpolitikern zwei enthusiastische Plädoyers für den Einsatz von Social-Media im Wahlkampf erwartet habe. Dem war aber nicht so. Überrascht hat auch, dass die Jungpolitiker Social-Media meist nur auf Facebook reduzieren. Doch der Reihe nach.
Mobilisierung mit Facebook
Stefan Krattiger hat zu Beginn seines Referats klargestellt, dass mit Social-Media allein kein Wahlkampf zu gewinnen sei. Wahlen finden zur Hauptsache auf der Strasse und nicht im Internet statt. Deshalb hat Krattiger in seinem Wahlkampf um das Stadtpräsidium von Aegerten auf einen Mix aus physischem Brief, Event (Grillparty) und Facebook gesetzt. Facebook hat er insbesondere dazu genutzt, um mit seinen «Freunden» direkt zu kommunizieren. Wichtig ist, so die Hauptbotschaft von Krattiger, via Social-Media Kontakte zu pflegen, um so Verbindlichkeit zu schaffen. Dazu hat Krattiger auch die Chat-Funktion bei Facebook benutzt. Neue Wählerschichten lassen sich gemäss dem SP-Jungpolitiker über Social-Media nicht erschliessen; aber Sympathisanten können mobilisiert werden. Denn es ist schwierig und zeitintensiv, Wähler mit abweichenden Positionen zu überzeugen. Effizienter ist es hingegen, die eigenen Leute zu mobilisieren. Das kann die entscheidenden Stimmen bringen. Darin sieht Krattiger die Chancen von Social-Media.
Authentizität vermitteln
Philipp Kutter hat zu Beginn seines Referats darauf hingewiesen, dass die Politik und ihre Akteure grundsätzlich eine konservative Branche sei. Das gilt auch in Bezug auf den Einsatz neuer Medien. In seinem Wahlkampf hat er zuerst auf eine statische Website gesetzt und ist dann immer mehr zu interaktiven Elementen übergegangen. Mit dem Einsatz von Facebook hat er es schliesslich geschafft, die gesucht Aufmerksamkeit in der digitalen Öffentlichkeit zu erhöhen. Den Einsatz von Social-Media im Wahlkampf bringt der CVP-Politiker auf die Formel: «Authentizität, Unterhaltung, Aktualität». Wobei Kutter keinen Hehl daraus macht, dass er ein Spannungsfeld zwischen dem Vermitteln von Authentizität und den vorhandenen Zeitressourcen eines Politikers sieht.
Kritischer Punkt: Dialogbereitschaft
In der Diskussion mit dem Publikum ist rasch deutlich geworden, dass Social-Media als Dialogmedium die Politiker (noch) überfordert. Ein echter Dialog braucht Zeit. Und diese scheint den Politikerinnen und Politikern zu fehlen. Oder sie setzen andere Prioritäten. Das erstaunt – gerade in einer halbdirekten Demokratie. Im Wahlkampf geht es offenbar um die Vermarktung von Köpfen und nicht um das Vermitteln von Positionen. Wer allerdings glaubt, kurz vor den Wahlen mit etwas «personality» zu punkten, der liegt vermutlich falsch. Kommunikation mit Social-Media ist ein langfristiges Engagement, das sich erst nach Jahren ausbezahlt. Es geht nicht nur um Authentizität, sondern auch um Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Ein Engagement auf Social-Media funktioniert deshalb eben doch nur über klare Positionen, die man mit der Wählerschaft im Dialog erarbeitet. Womit wir wieder bei politischen Inhalten wären …
Über den Social-Media-Gipfel
Der Social-Media-Gipfel (Twitter-Hashtag #smgzh) wird alle zwei Monate in Zürich durchgeführt. Mit seiner Fokussierung auf die kommunikativen Aspekte und auf die Praxis rund ums Thema Social-Media ist er zum beliebten Treffpunkt für Kommunikationsfachleute geworden. Mit dem Thema «Mit Social Media den Wahlkampf gewinnen?» wurde bereits der neunte Social-Media-Gipfel bestritten. Weitere Informationen gibt es unter: www.socialmediagipfel.ch.
Weiterführend
- Der Wahlk(r)ampf mit Social Media Wahlkampfblog vom 7. Juni 2011
- Social Media Gipfel: Wahlkampfhelfer Facebook bernetblog vom 1. Juni 2011
- In der Schweiz sind 2011 Social Media noch nicht wahlrelevant – WTF! www.politnetz.ch vom 1. Juni 2011
5 Responses to Social-Media in der Praxis oder Wahlkampf zwischen Mobilisierung und Dialog
Hinterlasse eine Antwort Antworten abbrechen
Letzte Kommentare
- Social Media & Parteien – sinnvoll oder nicht? « Die Nutzung von Social Media durch die Parteien in der Schweiz bei Brauchen Parteien Social-Media-Guidelines?
- Zitate: Social Media & Wahlkampf « Die Nutzung von Social Media durch die Parteien in der Schweiz bei Social-Media in der Praxis oder Wahlkampf zwischen Mobilisierung und Dialog
- Christian Michael Schenkel bei Brauchen Parteien Social-Media-Guidelines?
- Christian Buggisch bei Brauchen Parteien Social-Media-Guidelines?
- Harald Jenk bei Online-Wahlhilfen





Danke für den Bericht. Was mich ganz allgemein und am SMGZH besonders überrascht bzw. erstaunt, ist die relative Geringschätzung eines echten Dialogs mit uns Bürgern und die Fokussierung auf das Fangen von Wählerstimmen (vgl. z.B. diesen Tweet). Meine Meinung habe ich in diesem Tweet ausgedrückt.
Die mangelnde Nutzung der Social Media für den echten Dialog zeigen auch meine Beobachtungen.
Das noch nicht vorhandene Verständnis der Social Media zeigt sich IMHO auch in der Bewertung von Twitter: Hier hörten wir auch am SMGZH einige Male, dass sich Twitter nicht lohne, da es dort viel weniger Teilnehmer gäbe als z.B. auf Facebook. Das scheint mir ein durchaus gefährliches Missverständnis zu sein, da auf Twitter durchaus viele Multiplikatoren unterwegs sind, deren Kraft man nicht unterschätzen sollte.
@Hans-Dieter Zimmermann
Vermutlich müssen wir bei der Politikvermittlung mit Social-Media etwas mehr differenzieren. Im Grundsatz stimme ich mit Dir überein, dass Demokratien auf einem «echten Dialog» zwischen den Bürgern und den politischen Akteuren beruhen sollten. Differenzieren müssen wir allerdings mit Blick auf politisches Agendasetting, auf den demokratischen Meinungs- und Willensbildungsprozess sowie auf den eigentlichen Akt des Wählens und Abstimmens. Bei allen drei Aspekten können – oder könnten – Social-Media eine andere Rolle spielen. Ich möchte das hier nicht weiter ausführen; aber am Social-Media-Gipfel ist deutlich geworden, dass in Wahl- und Abstimmungskämpfen die Politiker Social-Media primär für die Stimmenmaximierung nutzen. Ich kann mir gut vorstellen, dass unsere Politiker irgendwann erkennen, dass man Social-Media auch für das Agendasetting sowie für die demokratische Meinungs- und Willensbildung einsetzen kann. Und dann kommt das dialogische Element von Social-Media vermutlich mehr zum Tragen.
[...] Würdigung dieses Anlasses nahm Bloggerkollege Christian Schenkel [...]
Dank der spontanen Bereitschaft von Thomas Gemperle am Socialmediagipfel ist es uns vom BananaPolitics-Podcast rund um Moritz Zumbühl von Feinheit.ch gelungen, endlich einen digitalen Leader der SVP an unseren Tisch zu bekommen. Wir wollten wissen, ob und wie die SVP im Netz aktiv ist, und wo Thomas das grösste Potenzial bei Wählern, Sympathisanten und den eigenen Parteivertretern sieht. Der Podcast ist die ideale Ergänzung zu den Vorträgen von Stefan Krattiger (SP) und Philipp Kutter (CVP) am Socialmediagipfel: http://ow.ly/5fpOI
[...] Formel für den Einsatz von Social-Media im Wahlkampf: «Authentizität, Unterhaltung, Aktualität» CVP-Politiker Philipp Kutter, 1. Juni 2011 [...]