Ein Wahlbistro gegen die Bashing-Kultur im Netz

Mark Balsiger

In der Stadt Zürich finden am 7. März Stadt- und Gemeinderatswahlen und im Kanton Bern am 28. März Regierungs- und Grossratswahlen statt. Für die politische Meinungs- und Willensbildung in der digitalen Öffentlichkeit können sich die Kandidaten und Wählenden im virtuelle Wahlbistro (www.wahlbistro.ch) austauschen. Mark Balsiger (Foto), Kommunikationsspezialist und Co-Autor des Buches «Wahlkampf in der Schweiz», hat das Wahlbistro lanciert. Ein Gespräch über Möglichkeiten und Grenzen der politischen Kommunikation in den neuen Medien.

Christian: Die massenmedial vermittelte Öffentlichkeit in einer halbdirekten Demokratie, in der regelmässig Wahlen und Abstimmungen stattfinden, scheint mir mit politischen Auseinandersetzungen ziemlich gesättigt zu sein. Dürstet es die Bürgerinnen und Bürger nach noch mehr Austausch in den neuen Medien?

Mark: Das Pilotprojekt mit dem virtuellen Wahlbistro im Herbst 2008 zeigte auf, dass das Bedürfnis nach einem echten und fairen Dialog zwischen Bürgern und Kandidierenden besteht. Im Durchschnitt generierte jedes Thema 40 Kommentare.

Im Gegensatz zu praktisch allen anderen Foren und Blogs werden im Wahlbistro alle Teilnehmenden telefonisch verifiziert. So können wir Trolls verhindern, die die Atmosphäre vergiften und der Diskussionskultur schaden. Das Wahlbistro ist die Antwort auf die Bashing-Kultur, die sich vielerorts durchgesetzt hat. Wir bieten keine Anonymität, was sich positiv auf die Qualität der Diskussionen auswirkt. Ein solches Diskussionsforum wird sein Publikum finden, gerade weil keine Hierarchie vorgegeben wird wie zum Beispiel bei «NZZvotum». Im Wahlbistro begegnen sich alle auf Augenhöhe.

Christian: Das oberste Ziel vom Wahlbistro ist es, die Bürgerinnen und Bürger wieder näher zur Politik zu bringen. Offensichtlich fehlt es der Politik und ihren Akteuren an Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Können neue Medien einen Dialog zwischen Politik und Zivilgesellschaft etablieren, der diese Defizite kompensiert?

Mark: Der Graben zwischen Politikern und Bürgern wird in der Tat schleichend grösser. Ich erkenne drei Gründe dafür: Erstens entpolitisieren sich die etablierten Medien zunehmend. Zweitens, die ungenügende Vermittlungskompetenz der politischen Akteure sowie, drittens, die fehlende Nähe. Gerade das Internet ermöglichte es, die Nähe zu 4,8 Millionen Internetusern in diesem Land zu suchen und einen glaubwürdigen und kontinuierlichen Dialog mit ihnen aufzunehmen. So viele sind inzwischen täglich oder praktisch jeden Tag im Netz. Die neuen Medien bieten sich für diesen Dialog geradezu an.

Christian: Der gegenseitige Respekt in der Blogosphäre und in sozialen Netzwerken lässt oft zu wünschen übrig. Du selbst sagst, das virtuelle Wahlbistro sei eine Antwort auf die Bashing-Kultur im Netz. Wie können wir mit den neuen Medien eine offenere Dialogkultur pflegen?

Mark: Es braucht klare Spielregeln, die auch konsequent durchgesetzt werden. Ehrverletzende Kommentare oder solche, die nichts zum Thema beitragen, sollten gelöscht werden. User, die wiederholt pöbelnd auffallen, gehören auf eine «black list». Verantwortlich für die Bashing-Kultur sind die populären Onlineportale, die Kommentare ohne seriöse Kontrolle freischalten. Wer einmal im Forum der «Arena» mitgelesen hat, kämpft schon nach wenigen Minuten gegen einen Brechreiz. Ich verstehe nicht, weshalb die grossen Medienhäuser als Betreiber dieser Portale nicht Gegensteuer geben. Das Renomée ihre starken Titel wird durch diese Unkultur beschädigt, Zynismus und Politikverdrossenheit nehmen zu.

Christian: Das Wahlbistro ist ein Non-Profit-Projekt. Was ist dein Antrieb, dennoch so viel Zeit und Engagement in dieses Projekt zu stecken?

Mark: Mir geht die Art und Weise wie in vielen Foren und Blogs kommentiert wird, mächtig auf den Zeiger. Mit dem Wahlbistro schufen wir ein Forum, auf dem mit Anstand, Respekt und klaren Spielregeln diskutiert wird. Wer das nicht schafft, wird gesperrt. Weiter bin ich der Überzeugung, dass die Schweiz eine Debatte nötig hat, die auch in der breiten Bevölkerung geführt wird. Die klugen Essays, die in den letzten Wochen beispielsweise von Wolf Linder in der «NZZ am Sonntag» oder Lukas Hartmann in der «Berner Zeitung» erschienen sind, regen zum Nachdenken an. In diesen Prozess sollte sich aber auch eine breitere Öffentlichkeit einschalten, das wäre befruchtend und käme dem Land zugute.

Eigentlich müsste ein Projekt wie das Wahlbistro von einem universitären Institut, einem Medienhaus, einer Stiftung oder dem Bund selber betrieben werden. Am besten jeweils die letzten sechs bis acht Wochen vor den eidgenössischen Abstimmungen und in Kooperation mit Vimentis, einer weiteren neutralen Plattform. Die Kosten wären bescheiden, der Nutzen könnte langfristig beachtlich sein. Ich hoffe darauf, dass die entsprechenden Stellen bald auf das Wahlbistro aufmerksam werden. Würden die etablierten Medien darüber berichten, wäre das einfacher möglich.

Es gibt noch einen weiteren Grund: Ich arbeite an einem neuen Buch über Wahlkampf und Kampagnen in der Schweiz. Es sollte im Herbst fertig sein. Als Mitbetreiber des Wahlbistros erhoffe ich mir zusätzliches Know-how, weil: Innovationen und Dynamik im Wahlkampf werden nur noch im Netz möglich sein.

Christian: Während der Berner Kommunalwahlen im Jahr 2008 hast du das erste Wahlbistro betrieben. Was sind deine Erfahrungen mit Blick auf die teilnehmenden Kandidaten und Wählenden sowie für dich als Betreiber des Wahlbistros?

Mark: Die Lancierung brauchte damals Hartnäckigkeit, weil die Möglichkeiten der Web2.0-Kanäle für Wahlkampagnen noch kaum bekannt waren. Jetzt haben wir es eine Spur einfacher, der Durchbruch von Facebook hilft uns. Allerdings ist der Grossteil der Kandidierenden noch immer mit dem traditionellen Wahlkampf verhaftet – oder um es mit Peter Sloterdijk zu sagen: «Die Menschen bewohnen Gewohnheiten.» Sie investieren lieber vier Stunden in ein Podium, das dann vielleicht 30 oder 40 Leute anzieht, die fast allesamt schon wissen, wen sie wählen. Im Wahlbistro hätten sie die Möglichkeit, in 15 Minuten einen guten Kommentar zu veröffentlichen, der täglich von 300 oder mehr Leuten gelesen wird.

Ein paar Dutzend Wählende haben die Chance gepackt und die Kandidierenden herausgefordert. Sie erhielten so nebst Smartvote eine zweite Möglichkeit, sich vertiefter mit den Kandidaten auseinanderzusetzen. Es ist die Kombination von Smartvote und Wahlbistro, die es ausmacht.

Woran es noch happert: Nur wenige der Beteiligten setzen Links auf das Wahlbistro, was die Promotion dieses Diskussionsforums erschwert. Generell stelle ich fest, dass die neuen Medien bei den Kandidierenden bekannt sind, den cleveren Umgang mit ihnen haben hingegen erst wenige entdeckt.

Christian: Erwartest du spezifische Unterschiede betreffend der Partizipation und  Dialogkultur zwischen dem Berner und Zürcher Wahlbistro?

Mark: Ja, ich formulierte ein paar Thesen, werde diese aber erst nach Beendigung des Projekts auf ihre Tauglichkeit überprüfen.

Christian: Danke für das Gespräch. Wir wünschen dir viel Erfolg und viele offene und spannende Debatten.

Bildquelle:www.border-crossing.ch

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