Souveränität in der Netzwerkgesellschaft

NetzwerkgesellschaftDie Schweiz befindet sich auf dem Weg in die globale Netzwerkgesellschaft. In dieser etablieren sich neue Formen der Kommunikation und der Zusammenarbeit. Dies verändert die Bedeutung von Souveränität – für Bürger und Staat.

Die Souveränität geht in der Schweiz vom wahl- und stimmberechtigten Teil der Bevölkerung aus. Ihn verbindet der feste Wille, die Selbstbestimmung der Schweiz und ihrer Bürger zu maximieren beziehungsweise die Fremdbestimmung zu minimieren. Seit der Abstimmung über den Beitritt zum Europäischen Wirtschaftraum im Jahr 1992 indes herrscht Uneinigkeit über den Weg, der zur Verfolgung dieses Ziels einzuschlagen ist. Es fehlt hierzu eine Vision und Strategie. Mit dem Ende des Kalten Kriegs, der voranschreitenden Globalisierung, den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und der jüngsten Weltwirtschaftskrise haben sich die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Schweiz verändert. Begleitet wurden diese Veränderungen von einer rasanten Revolution der Informations- und Kommunikationstechnologien. Sie durchdringen zusehends den beruflichen und privaten Alltag. Nutzten am Ende des letzten Jahrhunderts nur etwas mehr als 10 Prozent der Schweizer Bevölkerung das Internet mehrmals pro Woche, so sind es heute gut 80 Prozent. Ob stationär am Personal Computer oder unterwegs mit dem Smartphone: Die Schweizerinnen und Schweizer sind immer online und überall vernetzt. Zurzeit überschreiten wir die Schwelle von der Informations- in die Netzwerkgesellschaft. Dieser epochale Schritt wird sich nachhaltig auf die Souveränität jedes Einzelnen und auf die Schweiz als Ganzes auswirken.

Neue soziale Praxen

Die globale Netzwerkgesellschaft beruht auf den Netzwerken der digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien. Diese vernetzen Menschen jenseits territorialer Grenzen und erlauben weltweite Kommunikation in Echtzeit. Zum Internet haben heute über 2 Milliarden Menschen einen mehr oder weniger freien Zugang. Das Netz der Netze hat zur Emergenz einer digitalen Öffentlichkeit geführt. In ihr setzen sich zusehends neue soziale Praxen der Kommunikation und der Arbeit durch. So erleben wir zurzeit den Übergang von der Massenkommunikation in der Informationsgesellschaft zur Massenselbstkommunikation in der Netzwerkgesellschaft. Die Nutzer digitaler Medien konsumieren nicht mehr nur, sondern produzieren immer mehr auch selbst Inhalte. Die zunehmende Popularität sozialer Medien liegt unter anderem darin, dass sie das Publizieren, Teilen, Bewerten und Kommentieren von Inhalten im Internet vereinfacht haben. Die Kommunikation in der digitalen Öffentlichkeit wird dadurch direkter, dialogischer, schneller und flüchtiger. Eine ähnliche Bewegung sehen wir im Bereich der Arbeit. Hier vollzieht sich ein Übergang von der Massenarbeit in der Informationsgesellschaft zur Massenzusammenarbeit in der Netzwerkgesellschaft. Menschen mit gleichen Interessen arbeiten in sich selbstorganisierenden Netzwerken weltweit zusammen, um gemeinsam Projekte zu realisieren. Sie tragen ihr Fachwissen zu einer frei zugänglichen Enzyklopädie zusammen oder erstellen frei nutzbare Betriebssysteme und Programme. Die Zusammenarbeit in der Netzwerkgesellschaft beruht auf Offenheit, Freiwilligkeit und einer Kultur des Teilens. Diese neuen sozialen Praxen führen dazu, dass die Organisationsform des Netzwerkes hierarchisch-bürokratische Organisationformen zusehends verdrängen. Der deutsche Unternehmensberater Peter Kruse sieht in dieser Entwicklung eine Machtverschiebung weg von den traditionellen Anbietern politischer und wirtschaftlicher Güter hin zu den Nachfragern. Mit den digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien haben unzufriedene Bürger und Konsumenten effiziente und effektive Mittel, um sich auszutauschen, zu organisieren und selbst initiativ zu werden. In diesem Sinne können wir die Demontage des ehemaligen deutschen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg in der digitalen Öffentlichkeit, die Selbstorganisation der Bürger über soziale Netzwerke und Mobiltelefone während des Arabischen Frühlings und das weltweite Aufflackern der Occupy-Bewegung durchaus als Zeichen der Zeit lesen. Die Logik der digitalen Öffentlichkeit verlangt nach mehr Transparenz und Partizipation. In der Netzwerkgesellschaft werden sich deshalb neue Formen der Mitsprache, des Mitbestimmens und des Mitgestaltens etablieren. Was heisst das für die Souveränität der Schweiz?

Chance für die Schweiz

Eine Antworte auf diese Frage liegt im Machtbegriff der Netzwerkgesellschaft. Der spanische Soziologe Manuel Castells beschreibt ihn anhand zweier Fähigkeiten: einerseits die Fähigkeit, ein Netzwerk zu etablieren und die daran Teilnehmenden auf ein Ziel einzuschwören; andererseits die Fähigkeit, Kooperationen mit unterschiedlichen Netzwerken einzugehen, indem gemeinsame Ziele verfolgt und wertvolle Ressourcen geteilt werden. Diese Bedeutung von Macht kann uns Schweizern so fremd nicht sein. Der Netzwerkgedanke ist uns mit dem Gründungsmythos des Rütlischwurs in die Wiege gelegt worden. In der modernen Schweiz finden wir ihn im Föderalismus, der direkten Demokratie und im Konkordanzsystem wieder. Die Pflege dezentraler Strukturen, das Recht auf Mitbestimmung und Mitentscheidung sowie das System der Machtteilung und der korporatistischen Interessenvermittlung sind Tugenden, die uns in der globalen Netzwerkgesellschaft nur zugutekommen. Die Schweiz stärkt künftig ihre Souveränität gegen innen und aussen, wenn sie zu einer nationalen und internationalen Plattform des Dialogs und der Zusammenarbeit wird. Auf ihr sollen regionale und weltweite Herausforderungen zwischen den unterschiedlichen Netzwerken aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft systemübergreifend diskutiert und gemeinsam nach innovativen Lösungen gesucht werden. Und zwar immer nach den Prinzipien der Offenheit, Freiwilligkeit, Transparenz, Partizipation und einer Kultur des Teilens von Informationen und Daten. Anders können die komplexen Herausforderungen von morgen nicht friedlich gelöst werden.

Bildquelle

VN:F [1.9.22_1171]
Rating: 4.0/5 (1 vote cast)
Souveränität in der Netzwerkgesellschaft, 4.0 out of 5 based on 1 rating
Dieser Beitrag wurde unter Internet und Gesellschaft abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>