Elektronische Demokratie

von Christian Schenkel am 10. May 2010

The powerful have been spying on their subjects since the beginning of history, but the subjects can now watch the powerful, at least to a greater extent than in the past (Manuel Castells in «Communication Power»).

Zwei Herzen schlagen, ach, in der Brust des Arbeiters an der digitalen Öffentlichkeit. Er hat eine Vision von der Demokratisierung der Demokratie mit Hilfe des Internets. Und er ist enttäuscht über die mangelnde Fähigkeit zur gesellschaftlichen Selbstbestimmung im Zeitalter der Massenselbstkommunikation. Wo formiert sich im Internet die kommunikative Macht der Ohnmächtigen, die die wirtschaftliche, administrative und massenmediale Macht kontrolliert und korrigiert? Der Arbeiter an der digitalen Öffentlichkeit sieht Zeichen der Hoffnung: im Wahlkampf von Barack Obama im Jahr 2008 oder in der Twitter-Revolution im Nachgang zu den Wahlen im Iran im Jahr 2009. Er nimmt aber auch zur Kenntnis, dass im Jahr 2010 der britische vorab ein analoger Wahlkampf war und dass mit Blick auf die hiesigen Debatten im Netz gerne von einer «Bashing-Kultur» die Rede ist.

Spekulationen über die Bedingungen der Möglichkeit einer elektronischen Demokratie.

Bewegung

Das Internet ist fester Bestandteil unseres Informations- und Kommunikationsverhaltens geworden. Im Gegensatz zu den traditionellen Massenmedien, die wir in der Regel isoliert und passiv konsumieren, setzen wir uns im Internet aktiv mit Texten und audiovisuellen Inhalten auseinander. Das «Surfen» im Netz ist in erster Linie eine Tätigkeit: Wir betreten den digitalen Raum, suchen Informationen, befriedigen unsere Bedürfnisse und meiden das Unerwünschte. Wir tun dies alles nicht allein, sondern zusammen mit vielen, vielen anderen Menschen. Das Internet als soziales Medium ermöglicht das (Mit-)Teilen und Bewerten von Botschaften und Inhalten. Es bietet so Orientierung am Verhalten des Andern und liefert Hinweise auf gemeinsam geteilte Werte. In seinem evolutionären Schritt vom Web 1.0 zum Web 2.0 ist das Internet vom abstrakten «Cyberspace» zum erweiterten Lebensraum unser aller mutiert. Wir sind im digitalen Raum Beweger und Bewegte.

Die elektronische Demokratie ist eine Bewegung. Sie folgt nicht den starren Institutionen und geltenden Gepflogenheiten der analogen Welt, sondern sie beschleunigt und verändert den Einzelnen und die Massen gemäss der Logik der digitalen Welt.

Kontexte

Die Beweger und Bewegten folgen zwar der Logik der digitalen Welt; sie schliessen dabei aber an ihren Hoffnungen und Ängsten sowie Interessen und Vorstellungen des Zusammenlebens aus der analogen Welt an. Das Internet ist nicht, wie man fälschlicher Weise meinen könnte, ein Rawlscher «Schleier des Nichtwissens», hinter dem sich im Habermasschen Sinne der «zwanglose Zwang des besseren Arguments» seine Geltung verschafft. Das Internet reflektiert vielmehr die existenziellen Bedingungen des realen Zusammenlebens in der analogen Welt. Vielleicht ändern wir in der digitalen Öffentlichkeit unseren Namen. Wir ändern aber nicht den Kern unseres Wesens. Im Grunde wollen wir alle in der digitalen Öffentlichkeit als einmalige Identitäten erkennbar sein und anerkannt werden. Darin liegt das Erfolgsrezept sozialer Netzwerke wie «Facebook». Das Internet spiegelt eingegrenzte Lebenskontexte der analogen Welt in die grenzenlose Wirklichkeit der digitalen Öffentlichkeit.

Die elektronische Demokratie reflektiert die Hoffnungen und Ängste sowie die Interessen und Vorstellungen des Zusammenlebens jedes Einzelnen gemäss seiner Erfahrungen in der real existierenden Lebensgemeinschaft. In der digitalen Öffentlichkeit interessieren deshalb nicht abstrakte Ideologien und Parteiprogramme, sondern konkrete Anschlusspunkte an die eigenen Lebenskontexte.

Vernetzung

Im Internet erkennen die Beweger und Bewegten vor dem Hintergrund ihrer konkreten Lebenskontexte, dass sie mit ihren Hoffnungen und Ängsten sowie Interessen und Vorstellungen des Zusammenlebens nicht alleine sind. Freilich ist diese Erkenntnismöglichkeit allein nicht neu. Neu ist aber, dass dies jenseits von Raum und Zeit der analogen Welt möglich ist. Noch nie war es so einfach, Verbindungen mit Menschen zu knüpfen, die ähnliche denken und fühlen. Wir vernetzen uns im Internet nicht nur, weil wir erkannt und anerkannt werden wollen, sondern weil wir uns auch vergewissern wollen, dass wir in unserem Selbstverständnis nicht alleine sind. Die Mächtigen sind auf eine solche Selbstverständigung nicht angewiesen. Sie können die Welten nach ihrem Gutdünken manipulieren. Die Ohnmächtigen indes suchen nach Gleichgesinnten, weil sie wissen, dass sie nur gemeinsam stark sind.

Die elektronische Demokratie vernetzt im digitalen Raum individuelle Interessen und Vorstellungen des Zusammenlebens jenseits raumzeitlicher Grenzen der analogen Welt. Sie erleichtert damit die Erzeugung von Macht im Sinne von Hannah Arendt als die «menschliche Fähigkeit, nicht nur zu handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschliessen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln.»

Gemeinsinn

Damit die vernetzten Beweger und Bewegten vor dem Hintergrund ihrer partikulären Lebenskontexte in der digitalen Öffentlichkeit kommunikative Macht erzeugen können, müssen sie einen Gemeinsinn entwickeln. Sie müssen ihre Hoffnungen und Ängste sowie ihre Interessen und Vorstellungen des Zusammenlebens auf eine konkrete Lebensgemeinschaft in der analogen Welt beziehen können. Sie müssen sich in der digitalen und analogen Öffentlichkeit als Teil einer Bewegung verstehen. Und sie müssen davon Überzeugt sein, dass das gemeinsame Handeln allen, und nicht nur einzelnen Mitgliedern dieser Lebensgemeinschaft zugute kommt. Ein solcher Gemeinsinn, so scheint es, konnte während Obamas Wahlkampf und während der Twitter-Revolution im Iran erzeugt werden. In England und der Schweiz indes scheint es zurzeit keine gemeinsam geteilten Ideen und Visionen zu geben, die den Gemeinsinn in der analogen und digitalen Öffentlichkeit zu schärfen vermögen.

Die elektronische Demokratie gibt der Vernetzung in der digitalen Öffentlichkeit einen politischen Sinn, wenn sie möglichst viele Menschen mit einbezieht und auf gemeinsam geteilte Ideen und Visionen abzielt. Sie eignet sich nicht zur Bewirtschaftung partikulärer Interessen, sondern immer nur zur Steigerung des Gemeinwohls.

Dialog

Das Internet ist das Dialogmedium schlechthin. Noch entzieht es sich weitgehend dem Zugriff der Gatekeeper aus der analogen Welt. Die privaten Hoffnungen und Ängste sowie vielfältigen Interessen und Vorstellungen des Zusammenlebens schweben im freien Raum. Wir können uns im Internet über die existenziellen Bedingungen des Zusammenlebens frei austauschen, ohne dass die wirtschaftliche, administrative oder massenmediale Macht bestimmt, was für uns wichtig ist und was nicht. Die Deutungsmacht der traditionellen Institutionen ist zerschlagen. Sie liegt in der digitalen Öffentlichkeit in den Händen der Vielen. Um sie in kommunikativ erzeugte Macht zu transformieren, müssen im Internet die Beweger und Bewegten in einem dialogischen Austausch gemeinsame Anschlusspunkte für ihre Interessen und Vorstellungen des Zusammenlebens finden.

Die elektronische Demokratie ermöglicht eine Umwertung der Werte. Sie entzieht sich der Deutungsmacht traditioneller Institutionen und erlaubt einen dialogischen Austausch über das Gemeinwohl in der eigenen Lebensgemeinschaft.

Mobilisation

Die Vernetzung und der Dialog im Internet sind nur effektiv, wenn eine Brücke zwischen der digitalen und der analogen Welt hergestellt werden kann. Dies bedingt, dass sich die Mitglieder einer Lebensgemeinschaft als Teil der analogen und digitalen Öffentlichkeit verstehen. Die digitale ist immer auch Bestandteil der analogen Identität – und umgekehrt. Nur wenn dieses Bewusstsein wächst, gelingt es die in der digitalen Öffentlichkeit erzeugte kommunikative Macht in der analogen Öffentlichkeit in soziale und schliesslich auch politische Macht umzusetzen. Dies ist nicht selbstverständlich. Denn es ist das eine, sich im Internet rasch zu einer bestimmten Idee und Vision zu bekennen; und es ist etwas anderes, im Alltag sich beharrlich für diese Idee und Vision einzusetzen.

Die elektronische Demokratie kann kommunikative in politische Macht umsetzen. Sie wandelt dann die Energie der Beschleunigung des Einzelnen und der Massen in der digitalen Welt um in eine politische Bewegung in der analogen Welt.

Bildquelle: ktsdesign – Fotolia.com

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{ 1 Kommentar… lies ihn unten oder schreib selbst einen }

Martin Glogger May 10, 2010 at 17:13

Danke für den interessanten Artikel.

Auf dieser Seite beschreibe ich eine Internetplattform zur Realisierung einer direkten Demokratie: http://www.onlinetechniker.de/?q=node/13

Sie sagen: “In England und der Schweiz indes scheint es zurzeit keine gemeinsam geteilten Ideen und Visionen zu geben, die den Gemeinsinn in der analogen und digitalen Öffentlichkeit zu schärfen vermögen.”

Ich habe eine Vision, die auch für England oder die Schweiz interessant sein könnte.
siehe http://www.onlinetechniker.de/?q=node/61

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