Die Form der Unruhe

Zugegeben: Das anzuzeigende Büchlein Die Form der Unruhe von Tina Piazzi und Stefan M. Seydel ist nicht ganz einfach zu erfassen und zu begreifen. An der Oberfläche verspricht es, ein Kommentar zum «Umgang mit Informationen unter den Bedingungen von Computer» zu sein. Unter der Oberfläche steckt aber mehr dahinter. Nach meiner Lesart handelt es sich bei diesem Büchlein um eine Dialektik der Medien.

Die Form der UnruheWarum eine Dialektik der Medien? Wir kennen zwei grosse dialektische Schulen. Auf der einen Seite steht Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Gemäss ihm entfaltet sich in der Welt die absolute Vernunft in einem dynamischen Prozess, indem sich aktuelle Widersprüche in der Gesellschaft in einer höheren Stufe des Weltgeistes auflösen. «Das Wahre ist das Ganze», schreibt Hegel in seiner Phänomenologie des Geistes und er ergänzt: «Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen.» (Irgendwie passt das zum «nie ganz gegenwärtigen Ganzen» von Niklas Luhmann.) Das tönt alles etwas antiquiert und nach verquerer «vielOh!sofWie?». Doch noch im ausgehenden 20. Jahrhundert war Francis Fukuyama mit seiner These durchaus mehrheitsfähig, dass die gesellschaftliche Entwicklung in der industrialisierten Welt mit der freien Marktwirtschaft und der liberalen Demokratie ein finales Stadium erreicht habe. Das «Ende der Geschichte» wurde ausgerufen. Heute wissen wir: Es ist wieder einmal ganz anders gekommen, als wir gedacht haben. Und deshalb suchen Piazzi und Seydel weiterhin nach dem Geist, der «Kulturen» in eine «Zivilisation» überführt. Ach ja! Und dann war da doch noch eine zweite grosse dialektische Schule. Begründet wurde sie von Karl Marx und Friedrich Engels. Sie haben bekanntlich Hegel vom Kopf auf den Fuss gestellt und anstelle der historischen, die soziale Bedingtheit der menschlichen Existenz in der Gesellschaft hervorgehoben. «Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften ist die Geschichte von Klassenkämpfen», schrieben sie im Kommunistischen Manifest. Da haben wir also eine idealistische und materialistische Dialektik. Was uns aber noch fehlt, ist eine Dialektik der Medien, die als Vermittlerin zwischen (Welt-)Geist und Materie die Widersprüchlichkeiten unserer Gesellschaft zum Ausdruck bringt. Und hier setzt nach meinem Dafürhalten Die Form der Unruhe ein.

Epochenzäsur

Gemäss Piazzi und Seydel befinden wir uns in einer «Epochenzäsur» hin zu einer «nächsten Gesellschaft». Die Widersprüche und Gegensätze im Geist und in den materiellen Verhältnissen unserer Gesellschaft sowie die «Macht demonstrierende, Glauben einfordernde Behauptungsinstrumente» in Form des traditionellen Mediensystems sind so gross geworden, dass uns ein nächster Entwicklungsschritt hin zu einer höheren Stufe des Zusammenlebens bevorstehen muss. Mit Blick auf die Medien kommt diese Epochenzäsur darin zum Ausdruck, dass mit dem Computer und dem Internet eine «offensive Anschlussverweigerung» an das traditionelle Mediensystem offenkundig wird. Das traditionelle Mediensystem lässt sich nach Piazzi und Seydel anhand des sogenannten Subtraktionskonzepts beschreiben. «Wir nennen Texte, Tondokumente, Videos dann ‹subtraktionistisch›», erklären die Autoren, «wenn diesen Dateien die Haltung anzumerken ist, dass hier jemand ‹gesucht, gefunden, aufgearbeitet und zielgruppengerecht vermittelt› hat und dabei alles abgezogen hat, was unnötig verlängert, ablenkt, beschwert oder stört.»

Auch hier muss ich zugeben, dass ich lange brauchte, bis ich das Subtraktionsprinzip verstanden habe. Heute interpretiere ich es so, dass die traditionellen Massenmedien sich ganz an den Bedürfnissen der Rezipienten orientieren und alles weglassen, das bei der individuellen Bedürfnisbefriedigung via Medien in den Weg kommen könnte. Und mit dieser Weglassung, mit dieser Subtraktion, fallen genau auch die Kontexte weg, in denen die Widersprüchlichkeiten unserer Gesellschaft zum Ausdruck kommen könnten. Computer und namentlich das Internet hätten aber das Potential, Kontexte in Form «relationaler Ordnungen» («Verbindungen, Position & Blickwinkel, Passungen») zu schaffen. Dieses Potential könnte im Additionskonzept zum Ausdruck kommen, gemäss dem die «Anzahl der Möglichkeiten» erweitert, zusätzliche Anschlussmöglichkeiten geschaffen und neue Räume eröffnet werden. Kurz: Platz für die Entwicklung des sich «vollendenden Wesens» (Hegel).

Unterschiede

Das zentrale Kapitel in Die Form der Unruhe ist für mich das Kapitel mit der «Liste der gelöschten Unterschiede». Darin schlagen Piazzi und Seydel vor, vor dem Hintergrund der eben beschriebenen Epochenzäsur traditionelle Unterschiede, die wir mit dem Gebrauch bestimmter Wortpaare machen, zu löschen. Dazu gehören die Unterschiede zwischen: «objektiv» und «subjektiv», zwischen «mündlich» und «schriftlich», zwischen «privat» und «öffentlich», zwischen «mein» und «dein», zwischen «virtuell» und «real» sowie zwischen «entweder» und «oder». Ganz zufällig ist diese Liste nicht und die Diskussion dieser Wortpaare zeigt, dass sich die Bedeutung der fraglichen Unterschiede auch tatsächlich verändert. Doch möchte ich – ganz im Sinne der Dialektik – nicht von einer Löschung, sondern von einer Aufhebung dieser Unterschiede sprechen. Denn der Begriff der «Aufhebung» hat zwei Bedeutungen, einerseits eben die Löschung eines bestehenden Unterschieds und andererseits die gleichzeitige Etablierung eines neuen Unterschieds auf einer höheren Bedeutungsebene (AufHEBEN!). Ich vermute, das haben Piazzi und Seydel eigentlich auch im Sinn, wenn sie mit ihrer Löschung der aktuellen Unterschiede darauf aufmerksam machen wollen, «welches Potential in einer Anpassung einer nicht mehr passenden Unterscheidung liegen könnte».

Die Wahrheit eines jeden Unterschieds – darin stimme ich mit den Autoren überein –, liegt in den praktischen Folgen. Das nennt man die pragmatische Methode. William James hat sie wie folgt formuliert: «Die pragmatische Methode besteht in […] dem Versuch, jedes dieser Urteile dadurch zu interpretieren, dass man seine praktischen Konsequenzen untersucht. Was für ein Unterschied würde sich praktisch für irgend jemand ergeben, wenn das eine und nicht das andere Urteil wahr wäre? Wenn kein, wie immer gearteter, praktischer Unterschied sich nachweisen lässt, dann bedeutet die beiden entgegengesetzten Urteile praktisch dasselbe und jeder Streit ist müssig. Soll ein Streit wirklich von ernster Bedeutung sein, so müssen wir imstande sein, irgend einen praktischen Unterschied aufzuzeigen, der sich ergibt, je nachdem die eine oder die andere Partei recht hat.» Die Wahrheit der Unterschiede erschliesst sich uns also nicht allein aus dem blossen Nachdenken über das richtige und gute Zusammenleben, sondern vorab aus unserer Lebenspraxis («Workflow») mit all ihren Gegensätzen und Widersprüchlichkeiten.

Handlungsprinzipien

Die Epochenzäsur und die mit ihr einhergehenden revidierten Unterschiede in unserer Lebenspraxis führen nach Piazzi und Seydel auch zu einem neuen Umgang mit den Medien. Diesbezüglich formulieren sie fünf Handlungsprinzipien. Erstens sollen wir in den neuen Medien nicht nur unsere individuelle Existenzform präsentieren und individuelle Bedürfnisse befriedigen, sondern auch Raum für gewollte und ungewollte Lebenskontexte schaffen und zulassen. Zweitens sollen wir diesen Kontextraum als offene und neugierige Wesen durchwandern. Dabei sollen wir uns drittens mit den Gegensätzen und Widersprüchlichkeiten, auf die wir bei dieser Wanderung stossen, auseinandersetzen. Und viertens sollen wir nach Anschlussmöglichkeiten bei anderen Lebenskontexten suchen. So sollen schliesslich aus formatierten Diskursen in den traditionellen Massenmedien ergebnisoffene Dialoge zwischen den Mitgliedern der Gesellschaft in den neuen Medien möglich werden.

Gut so. Es gäbe noch viel zu sagen. Doch soweit mein Kommentar zum Kommentar von Piazzi und Seydel. Die Form der Unruhe ist eine Pflichtlektüre für alle Medienschaffenden, was wir heute ja alle sind!

Tina Piazzi/Stefan M. Seydel (2010): Die Form der Unruhe. Band 2 – Die Praxis. Vom Buchdruck zum Computer. Handlungsprinzipien zum Umgang mit Informationen auf der Höhe der Zeit. Junis.

Bildquelle:

    (((rebell.tv))

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4 Antworten auf Die Form der Unruhe

  1. Pingback: ((( rebell.tv ))) blog - wow: die erste besprechung von band 2 ist eingetroffen: http://edemokratie.ch/die-form-der-unruhe/

  2. Pingback: ((( rebell.tv ))) blog - #dfdu die "blickrichtung" eines eintrages in blogs bestimmen...

  3. /sms ;-) sagt:

    dialektik? keine ahnung was das ist. aber ich vermute, dass ich für höchst mögliche frequenzen bin… http://de.wikipedia.org/wiki/Frequenz ;-)))

    und dann täte ich mit kapitel “3.6 Entweder : Oder” der gelöschten unterscheidungen weiter machen: entweder/oder, sowohl/als auch, weder/noch, 5. position!)

    oder anders: wenn rasend schnell zwischen entweder:oder hin- und hergewechselt wird… dann hebt die beobachtende beobachtung plötzlich ab. aufheben? archivieren? bewahren? abheben! erhöhen! aufsteigen! auf eine nächste ebene bringen… eben:

    *hyper_
    http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_griechischer_Pr%C3%A4fixe

    und: das gegenteil dieser bemühung, ist vermutlich “subtraktionistisch” ;-)

    du, christian: d!a!n!k!e!

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